Hier werde ich immer mal wieder, in unregelmäßiger Folge, Texte von mir einstellen. Weitere finden sich hier.

 

 

Und wie jeden Samstag Einheitsbrei

(veröffentlicht am 02.12.2015)

 

Es ist der Montag dieser Woche, ich freue mich auf die neue Folge des Rasenfunks, den ich länger nicht mehr gehört hatte. Ich freue mich auf die wie immer charmant pointierte Moderation von Max und dass es dieses Mal endlich etwas über die Lilien von einem Kenner des Vereins, von Christian, zu hören gibt.

 

Aber schon bei der Besprechung der Sonntagsspiele wartete ich nur auf Christians Einschätzung zu Darmstadt 98, und als diese vorbei war hörte ich nicht mehr weiter.

 

Wie? Du als Fußball-Freak, der wöchentlich im Radio Deinen Senf dazu gibst, dazu bloggst, podcastest und auch noch akkreditiert bist, machst den besten Bundesliga-Podcast einfach mittendrin aus?

 

Ja, ich bekenne mich schuldig. Denn mein Interesse an der Bundesliga als Gesamtkonstrukt ist erloschen. Erloschen wegen gähnender Langeweile.

 

Und dabei meine ich nicht die Dominanz des FC Bayern München. Die Geschichte der finanziellen Ungleichgewichte in der Liga, die mit dem neuen Fernsehvertrag noch deutlich verschärft werden, sollen vielleicht irgendwann mal Thema für einen eigenen Beitrag sein.

 

Aber aktuell langweilt mich das, was bei diesem „Premiumprodukt“ den „Kunden“ begeistern soll: Der Fußball. Es kann noch so viel mediales Geschwurbel verbreitet werden, aber die Bundesliga ist mit ganz wenigen Ausnahmen zur Monokultur verkommen. Zu einer Kultur, bei der man im Spiel gegen den Ball jedes Register zieht, jeden Laufweg kennt jedes taktische Verhalten bis ins kleinste Detail geschult ist. Und nach Ballgewinn geht es dann schnell nach vorne, schließlich sind die Sekunden, in denen der Gegner noch nicht wieder geordnet ist, die kostbarsten in den neunzig Minuten. Wann fing es eigentlich an, dass alle nur noch das schnelle Umschaltspiel und den Vertikalpass im Programm hatten?

 

Aber vor allem: Wann fing es an, dass die Mannschaften der höchsten deutschen Spielklasse keiner Idee mehr haben, was sie mit dem Spielgerät machen sollen, wenn sie es in ihrem Besitz haben? Wann wurde aus „Fußball spielen“ nur noch „Gegen den Ball arbeiten“?

 

Man stelle sich vor, man würde einen Spieltag komplett auf die Inserts verzichten, die dem Zuschauer zeigt, wer da spielt, alles in der Totalen zeigen und dazu alles noch in Schwarz/Weiß übertragen. Wie viele Mannschaften würde man an ihrem Spielstil denn erkennen?

 

Bayern (wer hat nochmal gesagt, dass der spanische Tiki-Taka langweilig sei?) und Dortmund als die rühmlichen Ausnahmen natürlich, denen bei eigenem Ballbesitz nicht die Schweißperlen auf der Stirn und die Fragezeichen im Gesicht stehen. Ok, Darmstadt als die komplette Antithese, die den Ballverzicht in einer Form zuspitzt, die eigentlich jeden Satiriker und Philosophen zu Jubelstürmen hinreißen müsste. Aber sonst? Wo sind denn die Unterschiede in den Spielen zwischen beispielsweise Köln-Bremen, Augsburg-Hoffenheim oder Hertha-Mainz (Vereine beliebig austauschbar) zu sehen?

 

Ja, Heribert Bruchhagen hatte Recht damit, dass die Verhältnisse in der Liga zementiert sind. Der Satz gilt übrigens trotz gelegentlicher Ausreißer wie Augsburg oder Freiburg, die sich nach einem erfolgreichen Jahr dann aber bitte wieder an dem gewohnten Platz einzufinden haben. Aber was hindert denn die sechzehn anderen Vereine daran Fußball zu SPIELEN, daran sich bei Guardiola und Tuchel Impulse für das eigene System zu holen, zu adaptieren, besser zu werden? Woher kommt diese Verweigerung von Innovation und das Schwimmen im Teich mit all den anderen?

 

Am Ende entscheiden natürlich Ergebnisse, schließlich steht bei einem Abstieg nicht mehr als die Region auf dem Spiel. (als Anhänger des SC Freiburg sei mir der Einschub gestattet, dass der Schwarzwald immer noch steht, die Stadt Freiburg weiter Touristen empfängt und auch sonst alles im letzten halben Jahr seinen normalen Gang nahm. Ach ja, wer glaubt, es gäbe die fußballerische Abwechslung in Liga Zwei – dort ist alles noch viel viel schlimmer,) Wenn man aber davon ausgeht, dass in den nächsten zehn Jahren die ersten sechs Plätze von mindestens immer vier bis fünf gleichen Mannschaften belegt werden, dann macht es ja noch weniger Sinn auf das Herkömmliche zu beharren. Wo ist denn der Unterschied ob man Neunter oder Zwölfter wird, aber vielleicht den nächsten fußballerischen Schritt in der Entwicklung des Klubs geht. Die Vereine sind träge geworden, schließlich sind die Stadien trotzdem Woche für Woche voll, die mediale Präsenz nimmt immer noch weiter zu, die Zersplitterung des Spieltags wird weiter voranschreiten und sich der Fußball immer weiter in seine eigene Welt zurückziehen, ohne dass dies noch eine relevante Anzahl an Menschen stören würde. Wo der öffentliche Druck fehlt, wo der sportliche Wettbewerb nicht mehr jede Woche gegeben ist, da kann man es sich eben auch gemütlich machen und auf den Plätzen acht bis zwölf gut gehen lassen. Wäre nur nicht das lästige Risiko doch mal in die Relegation – die bis vor einigen Jahren ja noch ein direkter Abstiegsplatz war, aber man bleibt eben gerne unter sich - zu müssen.

 

Ich werde weiterhin die Atmosphäre in den Heimspielen am Böllenfalltor genießen, mich weiterhin ärgern über den Dilettantismus, mit dem Mannschaften dort zeigen, dass sie mit Ballbesitz nichts anzufangen wissen. Und natürlich werde ich mich freuen, wenn der SC Freiburg es im Sommer schaffen sollte wieder in Bundesliga aufzusteigen - was übrigens auch der Normalfall wäre, schließlich ist er 16 anderen Zweitligisten finanziell meilenweit enteilt. Aber den Sinn sich einen Samstag Mittag damit um die Ohren zu schlagen, wie in der Konferenz bei Sky in den ewig gleichen Bildern, mit den ewig gleichen Kommentatoren (werden die eigentlich irgendwo geklont?), neun von zehn Teams darauf warten, wann sie endlich zum Vertikalpass ansetzen können, werde ich nicht mehr tun. Es packt mich nach über 35 Jahren nicht mehr.

 

Ach ja: Wenn wieder Fußball GESPIELT werden sollte, könnt Ihr mir gerne Bescheid geben. Das Spiel an sich ist nämlich toll.